Partybericht ASM 3/88

Das Cracker Gipfeltreffen

Die geheimen Parties der SoftwarePiraten

Wie in jeder Branche üblich, so gibt es auch im Softwaremarkt "schwarze Schafe", die illegale Geschäfte betreiben. Zu dieser Gruppe gehören auch die ,"Cracker" die den Kopierschutz aus urheberrechtlich geschützten Programmen entfernen und diese dann duplizieren. Jeder Cracker weiß wohl, daß das Kopieren und Verteilen von Programmen gegen das Gesetz verstößt, allerdings hatte ich den Eindruck, dieses werde eher als Kavaliersdelikt aufgefaßt, nach dem Motto: Man darf sich nur nicht erwischen lassen. Um einen Einblick in die Organisations und Arbeitsweise der Cracker zu bekommen , besuchte ich eine sogenannte "CopyFete". "CopyFete" oder "CopyParty" heißen die Treffen von Crackergruppen, bei denen die neueste gecrackte Software im Schnellverfahren ausgetauscht wird. Natürlich war ich gespannt, wie eine solche Fete aussieht, zumal sich einige "Prominenz" aus Crackerkreisen angesagt hatte. Begleiten Sie mich also in das Zwielicht einer Diskothek zwischen Ruhrgebiet und holländischer Grenze.Die Einladung, die ich bekam, läßt zunächst nicht erkennen, daß es sich bei der Fete um irgend etwas anderes handelt als um eine ganz normale Veranstaltung in einer Disco mit Live-Musik. Die "eingeweihte Software-Unterwelt" erhielt jedoch ihre eigenen Einladungen, aus denen hervorging, daß vor diesem Fest noch die Kopiererei erledigt wird. Um genau 15 Uhr 41 Minuten sollte es losgehen (sinnige Zeit, oder kommt Ihnen 1541 nicht bekannt vor?). Diese Gelegenheit, einmal direkt mit so vielen Crackern auf einem Haufen reden zu können und vielleicht mehr über die Organisation der "Software Unterwelt" zu erfahren, ließ ich mir nicht entgehen. Und tatsächlich, man könnte fast sagen, daß die Cracker hier in Deutschland mindestens so gut organisiert sind wie der legale Softwarevertrieb, aber dazu später mehr...Ich kam etwas früher bei der Diskothek in einem kleinen Städtchen nahe der holländischen Grenze an und wurde gleich von Markus, einem, der Mitveranstalter, begrüßt. Die Crackergruppe RADWAR zeichnete für die Organisation verantwortlich. Und das muß man ihnen lassen, die Organisation des Ganzen ist so gut gewesen, daß sicherlich kein "Außenstehender" auf die Idee gekommen ist, hinter dem DiscoAbend etwas anderes zu vermuten. Für die weitgereisten "Gäste" hatte man eine Turnhallie zum Übernachten gemietet, und schon vor 15.41 Uhr waren verschiedene Gruppen aus dem ganzen Bundesgebiet und Berlin gekommen. Dem Betrachter zeigte sich ein skurriles Bild. Bei laufender Diskomusik und Schummerlicht hatte man das Gefühl, auf irgendeiner SoftwareMesse zu sein. Auf jedem Tisch in der Disco standen die Computer samt Laufwerken, um jeden Tisch gruppierten sich die jeweiligen Crackergruppen. Man brauchte nur noch einen Stapel Leerdisketten, und schon wird das, was jede Gruppe neu zu bieten hat, bereitwillig kopiert.Wie mir Markus erklärte, waren einige in Crackerkreisen sehr bekannte Gruppen vertreten, darunter auch welche aus der Schweiz, aus Holland und Frankreich. Markus nennt mir einige Namen, die ich auch im "Gästebuch", einer am Eingang ausgelegten Ringbuchmappe, wiederfinde: Mr. Zeropage, PBA, Duke, Hotline, 1001 Crew, Beastie Boys, Yeti, OGMCrew, Irata von Red Sector, Dream Team, Tron of Eaglesott, TWG, Sharks, FCS und wie sie sich alle nennen.Inzwischen läuft die CopyParty auf vollen Touren. Es wird hektisch kopiert, die Cracks gehen von "Stand" zu "Stand" und tauschen Software aus. Allerdings scheint softwaremäßig nicht viel los zu sein. Vor allem selbstprogrammierte DemoVersionen gibt es zu sehen. Allerdings zeigt sich bei diesen Demos, daß die Cracker, was das Programmieren angeht, fit sind. Auf Amiga und C64 zeigten die Jungs (es waren vorwiegend Jungs, deshalb war wohl auch der Eintritt für die holde Weiblichkeit frei), was sie können. Ohne selbstgeschriebenes Demo oder "lntro", wie es in Crackerkreisen heißt, darf man sich nicht auf eine solche Party trauen. Denn wer zu den "Berühmtheiten" in der Crackerszene gehören will, der muß schon einiges leisten. Und dazu will jeder, der sich mit dem illegalen Kopieren abgibt, gehören.Dementsprechend ist auch die Resonanz gewesen, als die Leute erfuhren, daß von der ASM jemand gekommen ist, um sich einmal anzuschauen, wie eine CrackerParty abläuft. Die Stimmung ist in dieser hektischen Kopierphase ganz gut. Auch Mike von THE TWILIGHT INCORPORATION teilt meine Ansicht, daß es diesmal nicht viel Neues gebe. Es seien eben nicht die richtigen Leute da, erklärte er. Die vorgenannte Crew fällt ein wenig aus dem Rahmen, hält man sie doch auf den ersten Blick für ganz seriöse Businessman. Mit Schlips und Krawatten und im feinen Anzug, mit Aktentasche in der Hand wollen die Jungs wohl auch einen solchen Eindruck vermitteln. Aber nicht alle "Profis" laufen so rum. Man kann schon Unterschiede feststellen.Wer etwas gelten will und ich sagte schon einmal, das wollen alle gibt sich möglichst cool. So z.B. ein Herr namens PBA der einen "LiveCrack" versucht. Die Finger rasen über die Tastatur, an diesem Abend sollte es damit allerdings nichts mehr werden. Einer der Umstehenden, der der Aktion mit der Bemerkung "hmm, interessanter Kopierschutz... " zusah, erklärte mir, dieser PBA sei so eine Art Legende. Nun, zumindest verhielt er sich wie eine Legende, nickte mal nach hier, grüßte nach da, und es gelang mir doch tatsächlich, ein paar Worte mit diesem legendären jungen Mann zu wechseln, der mir anschließend ein Mitglied der Gruppe RED SECTOR vorstellte. Dieser erklärte, daß er sich dem "PhonePhreaking" verschrieben habe. Eine Methode, bei der die Kosten von Telefonkonferenzen einem Telefoninhaber in den USA aufgebrummt werden. Ich glaube, ich brauche wohl nicht weiter zu erwähnen, daß man sich damit strafbar macht."Die Nummern laufen nicht sehr lange", erklärte mir der Red SectorMann . "Meistens sind sie schon nach wenigen Tagen gesperrt. " Nun, von Telefonkonferenzen hatte ich ja schon gehört, wie das aber funktionieren soll, war mir noch unklar. "Man braucht so ein kleines Gerät, das digitale Signale aussendet", sagte der Mensch, und zeigte das Gerät, das höchstens die Große einer Zigarettenschachtel aufweist. "So nachts um drei ruft Dich einer aus Amerika an und fragt, ob Du noch jemand mit dabei haben willst Oft werden die Kosten der Firma "General Motors" aufgebrummt, die merken so ein Überseegespräch nicht so schnell", meinte das RedSectorMitglied. "Das Rauskriegen der Nummern, die Du mit Telefongesprächen belasten kannst, ist in Amerika doch fast schon Volkssport, die sind vergleichbar mit dem Code der Euroscheckkarte in unseren Gefilden. Die Nummern werden dann aus Amerika rübergereicht", fügte er hinzu. Daß auch der Weg der gecrackten Software oft in Amerika seinen Anfang genommen hat, ist allgemein bekannt. "Das wird über Modem einfach rübergespielt", erklärt man bereitwillig, "und innerhalb von ca. vier Tagen ist das Programm dann in der gesamten BRD verteilt " Kaum zu glauben, was für ein ungeheures Vertriebsnetz diese CrackerOrganisationen auf die Beine gestellt haben. Das sieht man ja auch an dieser Veranstaltung, auf der rund 150 Cracker anwesend sind, und niemand weiß, was hinter den Toren der Discothek am Spätnachmittag des 9.1.1988 abläuft.Und da läuft noch einiges ab. Obwohl mir die "HighSociety" erklärte, daß es kaum noch "neue" Software (gecrackt natürlich) zu kopieren gab, liefen die Laufwerke fast ununterbrochen. "Das sind die Looser-Groups", erzählt mir ein Crack. "Dies haben nicht so gute Kontakte und kopieren auf solchen Parties alles, was sie kriegen können. Die "wirklichen Stars" unter der Softwaresonne und solche, die es gerne sein wollten, glänzten durch einen kurzen Auftritt, bei dem wenig oder gar nichts kopiert wurde. Diese Typen drehten nur kurz eine Runde und verschwanden dann sofort wieder oder wandten sich mehr der Feierei und personlichen Kontakten zu.Letztere sind wohl auch eine große Motivation, für die Veranstaltung solcher Feste, denn das, was dort "verteilt" worden war, hätte ja auch per Post geschehen können, dem "normalen" Vertriebsweg der Cracker. Trotzdem sind CopyParlies unheimlich "in" in der Szene. Man trifft sich, redet miteinander, natürlich besonders über den Computer und andere Crackergruppen So beschwerte sich z B ein Teilnehmer darüber, eine "geschmierte Kopie" erhalten zu haben. So nennt man in diesen "Kreisen" eine gecrackte Version, in die ein anderer seinen Vorspann eingebaut hat, obwohl nicht er es war, der den Kopierschutz entfernt hat Das ist Verletzung eines Art Ehrenkodexes, den die Cracker haben. So ist es z.B. sehr verpönt, wenn Originale einfach nur kopiert werden, also der eigentliche Kopierschutz nicht ausgebaut, sondern mitkopiert wird.Wer solche "Originale" unter die Leute bringt, wird gerade auf diesen Veranstaltungen nicht gern gesehen Diese "Kleinkrämerei" erscheint paradox, wo es doch andererseits mit den Gesetzen nicht so genau genommen wird. Immerhin gibt einer zu, daß er sich auch ärgern wurde, wenn er der Programmierer wäre und durch die Verbreitung der Software durch Cracker finanziell geschädigt würde.Daß aber oft die Programmierer eng mit der Crackerszene zusammenhängen, erklärte mir Tuerk von Tuerk's Cracker Inc. Auch in seiner Crew seien Mitglieder, die für eine Softwarefirma ganz legal arbeiten und Demos erstellen, die sie dann in die Crackerszene einschleusen. Irgendwoher muß die Software ja schließlich auch kommen, die dann anschließend gecracked wird. Außerdem haben Cracker ihre "Version" schon meist, bevor überhaupt ein Original im Handel ist.Allerdings gibt es auch Crackergruppen, die Originale kaufen, ein Umstand, der mich doch etwas verwundert hat, da doch nur dann jemand anerkannt wird, wenn er sehr schnell und gut "arbeitet". Dazu gehört nicht unbedingt Masse, sondern "Klasse" ist gefragt. Markus meint dazu, daß Cracker oft noch im Programm "herumpfuschen" und es besser machen, als es z.T. "ab Werk" ist. Hier seien nicht nur die Trainer zu nennen, sondern auch Verbesserungen in Steuerung und Geschwindigkeit.Auf meinem weiteren Rungang treffe ich die "GREAT KREFELD CONNECTION", die einiges über die Organisation zu berichten haben. So gibt es z.B. mehrere Dachvereinigungen von Crackergruppen. Eine der berühmtesten sei der "LIGHT CIRCLE", in dem etliche Crackergruppen organisiert sind. Ein weiterer sei der neu gegründete "POWERRUN". Zu Powerrun gehören zur Zeit folgende Gruppen oder Einzelcracker: GCK (die eben genannte Great Krefeld Connection), PIVI, MAD MAX, Excalibor (USA), Chuck (USA) und Smasher. Die "Mitglieder" einer solchen Organisation verpfilchten sich, den Namen in dem Crackervorspann zu nennen und diesen so bekannt zu machen, eine Art PR sozusagen, in eigener Sache.Davon wird übrigens eine ganze Menge gemacht. Während der "Vorveranstaltung" werden Aufkleber und Diskettenhüllen mit den Namen der jeweilen Cracks herumgereicht. Sogar Diskettenaufkleber werden verteilt, und wer möchte, kann eine Einladung zum nächsten Crackertreffen mit dazugehöriger Wegbeschreibung gleich mitnehmen. Auch für "schriftliche" Information ist gesorgt. Da liegt die "Illegal", eine kleine geheftete Zeitschrift für Cracker im DIN-A5-Format auf den Tischen.Auch eine Zeitschrift auf Diskette wird verkauft, die "Digital News" - dies allerdings erst dann, als der "offizielle" und legale Teil des Ganzen begonnen hat. Um 19:41 Uhr wird der Strom für die Kopierer abgeschaltet, und ab 20 Uhr strömen Massen von Leuten in die Disco, die alle mit der vorhergehenden Sache nichts zu tun haben. Einige unentwegte Kopierer machen auf der Galerie der Disco weiter, denn dort oben gibt es noch Strom. Allerdings packen dann fast alle ihre Computer weg. Nun trifft sich die Szene noch ganz zwanglos tu einem Schwätzchen. Ich unterhalte mich mit den SHARKS, die aus Berlin angereist sind. Diese Gruppe sei neu gegründet worden und aus Trianon und Ace 2000 hervorgegangen. Es tut sich einiges in der "etablierten Crackerszene" heißt es weiter. Altbekannte Gruppen lösen sich auf, und immer mehr neue werden gegründet. So habe sich Fantasy von FCS Zurückgezogen und seinen Computer gegen einen Videorecorder getauscht. Wer weiß, was dran ist, auf jeden Fall gebe es durch die große Verbreitung des C 64 auch immer mehr Gruppen, die sich Cracker nennen und die keine wären, erklärt man mir.Die Sharks sind so eine Gruppe, die Originalsoftware bei einem Händler kauft. "Die verdienen doch genug an uns, wenn wir von fast jeder Neuerscheinung ein Original kaufen." meint einer der Sharks. Ich versuche ihm auseinanderzusetzen, daß die Einzelhändler die Software ja meist von einem Großhändler beziehen und daß deren Preise nun auch nicht gerade so günstig sind, daß da nur kleine Gewinnspannen dazwischenliegen. Natürlich kaufe man mit Gewerbeschein, kaufe also mit Händlerrabatt, werde ich informiert. Auf diese Weise unterstützen Händler also ihre eigene illegale Konkurrenz, garantiert ohne daß zu wissen.Der Abend verläuft nun in "normalen" Bahnen. Es wird getanzt und geschwätzt, die Musik-Gruppe "Art Commando" tritt auf, und ein Teil verfolgt die musikalischen Darbietungen, die auch eine Playback-Show mit einem Prince-Imitator einschließt. Ich sitze noch mit einigen Cracks zusammen. Einer erzählt mir, daß das Cracker-Leben ganz schön schwer sei. Er könne kaum noch etwas für die Schule tun dauernd müsse er am Computer hocken. Der Zeit- und Leistungsdruck sei in diesem "Geschäft" unheimlich hoch: "Man muß immer der Beste und Schnellste sein und seine Programmierkenntnisse immer wieder unter Beweis stellen", meint der Crack, "damit man entsprechend anerkannt ist." Was macht man eigentlich mit den vielen Spielen? Spielt ihr überhaupt noch?, frage ich. "Nein, die Spiele sind größtenteils langweilig, es geht nur ums Haben!", war die lakonische Antwort. Zum Spielen findet man als Cracker wohl auch kaum Zeit.Diese Antworten machen allerdings mehr als nachdenklich. Die Cracker sind zwischen ca. 15 und Anfang 20Jahre alt. Also die Kinder der Wirtschaftswunder und Leistungsgesellschaft. Zum Cracker werden die Computerwunderkinder, die keinen legalen Weg zur Selbstbestätigung finden. Ist das Geltungsstreben der Computer-Freaks so enorm, daß manche von ihnen es in Kauf nehmen, Straftaten zu begehen, um nicht irgendwo als Mr. Niemand vorm Computer zu sitzen? Ganz sicherlich ist es die Konsequenz unserer Leistungsgesellschaft und des Traums, "vom Tellerwäscher zum Millionär" aufzusteigen, der noch in vielen Köpfen herumgeistert, der viele Leute zu diesem Streben veranlaßt. Sicherlich wünschen sich etliche Cracks, irgendwann in einer Softwarefirma zu arbeiten und vielleicht so berühmt zu werden, wie manche Programmierer es heute sind. Wieviel Energie da in ungesetzliche Aktivitäten gesteckt wird, ist wirklich schade! Denn Organisationstalente sind die Jungs allemal. Würden sie ihre Kenntnisse und Fähigkeiten nur in den legalen Softwaremarkt stecken, wäre vermutlich allen Beteiligten Genüge getan.Nach diesen "hochgeistigen" Gedanken vielleicht noch ein Schlußwort zur Party: Allen hatte es sehr gut gefallen, und die Gruppe RADWAR angeregt, doch wieder so eine DiscoVeranstaltung zu machen. Eines kann man wohl sicher sagen: Cracker sind keine Eigenbrötler, die wenig kontaktfähig sind. Die Leute waren sehr nett (Ausnahmen bestätigen die Regel). Leider ändert das wenig am kriminellen Hintergrund der ganzen Geschichte. Übrigens, es hat an diesem Abend außer den Crackern, keiner mitbekommen, was sich hinter den Kulissen einer Disco-Veranstaltung abgespielt hat. Nur eine Imbißverkäuferin, die einige Meter weiter ihre Waren an den Mann gebracht hat wunderte sich über das gute Geschäft: "Das sind doch alles Fremde, was ist denn da los?"Was los ist in der Crackerszene, davon hat man ein gutes Bild bekommen. Was aber aus den Crackern in 10 Jahren geworden ist, darüber wage ich keine Prognose abzugeben.

Martina Strack
ASM 3/88 

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